"Kirche ist ein Raum der Gemeinschaft"
Predigt von Landesbischof Cornelius-Bundschuh im Festgottesdienst „250 Jahre Evangelische Kirche Neckarzimmern“
7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben. 9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.
ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Jubiläum: 250 Jahre steht diese evangelische Kirche hier in Neckarzimmern. 250 Jahre hat sie Sie, Ihre Eltern, Großeltern und viele Generationen zuvor durch die Zeiten begleitet. Hier haben Menschen sich über die Geburt ihrer Kinder gefreut, hier haben sie um ihre Eltern oder um Ehepartner getrauert, hier haben sie gebetet, dass der Mann oder Sohn heil zurück kommt aus dem Krieg. Wie viele von Ihnen haben in dieser Kirche geheiratet!?
Mein besonderer Gruß gilt Ihnen, die Sie heute hier das Jubiläum Ihrer Konfirmation feiern: Sie haben sich hier zu Ihrem Glauben bekannt und haben hier den Segen empfangen. Sie haben heute viel zu erzählen. Von den Wegen, die Sie seitdem gegangen sind, von schönen, vergnügten, aber auch von schweren Stunden, davon wie der Segen Gottes Sie durch 25, 50, 60, 70, 80 Jahre begleitet hat.
Wie weit die Gemeinschaft reicht, zeigen die Bilder an der Brüstung ihrer Empore. Wir stehen in einer langen Tradition: eigentlich gehörte auch ein Bild von Mose schon dazu, wir sehen die ersten Jünger und Paulus und Lukas. Schade, dass die Frauen fehlen, die damals mit Jesus unterwegs waren, obwohl sie die ersten am Grab waren und die ersten, die den Auferstandenen gesehen haben. Götz von Berlichingen würde auch gut hineinpassen in die Reihe, der schon früh für seinen Verantwortungsbereich die evangelische Freiheit eingefordert hat …. Die Liste lässt sich fortführen, bis hin zu uns, zu Euch, den heutigen Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wir sind Teil einer großen Gemeinschaft, nach hinten und nach vorne, und auch in ökumenischer Weite.
In der Kirche kommen die Verschiedenen zusammen, die Gott verbindet. Selbst die, die nicht kommen, weil Gott ihnen fremd geworden ist; weil sie Gott nichts zutrauen. Auch für sie ist die Kirche offen, auch sie gehören in unsere Gebete; auch zu ihnen sendet Gott uns.
Unsere Kirchen zeigen, dass Gottes Liebe sich in unseren Dörfern und Städten ausbreitet und uns zusammenführt. Niemand glaubt für sich allein. Wer Gott vertraut, der schaut sich um und entdeckt die anderen, die Menschen, die nah sind, aber auch die, die fremd sind. Wir gehören zusammen, wir sind füreinander verantwortlich. Diese Botschaft trägt diese Kirche seit 250 Jahren in diesen Ort.
Aber dann wird ihnen der Weg zu lang, zu steinig, zu mühsam. Sie haben Angst; sie werden kurzatmig. Sie murren. Wie soll das weitergehen?
Da zeigen sich die Schlangen, so wie ganz am Anfang der Bibel. So wie Adam und Eva ziehen sie die Menschen zu sich herunter. Statt uns aufzurichten, damit wir nach vorne schauen können auf Gottes Zukunft, fixieren sie uns auf uns selbst: Entscheidend ist doch, wie es dir geht. Darum geht es doch! Du bist am wichtigsten!
So beißen die Schlangen zu und verteilen ihr Gift: Immer enger kreisen wir um uns, lassen uns von den Sorgen gefangen nehmen, durch die Angst vor den Anderen: Bekomme ich genug? Durch die Furcht vor Alter und Krankheit, vor dem Sterben. Immer schneller geht der Atem, wir werden getrieben, müssen machen und wissen doch nicht was. Wie vergiftet ist das Leben, alles dreht sich nur noch um das Dunkle, die Sorgen, die Knappheit; und alle um mich herum werden mit hineingezogen. Kurzatmig werden die Menschen und verlieren ihre Seele, so beschreibt es der Predigttext.
Bis sie rufen: Bitte für uns Mose!!
Die Schlangen werden nicht getötet. Sie verschwinden nicht. Aber sie verlieren ihren Schrecken. Denn sie beherrschen uns nicht mehr. Sie verlieren ihre Macht. Wir heben den Kopf und stellen uns mutig den Herausforderungen.
Mose richtet ein Zeichen auf: die eherne Schlange auf einem Stab. Die Not und die Gefahr werden nicht verdrängt, aber sie verlieren ihre tödliche Kraft. Wie bei unserem Kreuz, das sich durch die Auferstehung auch von einem brutalen Zeichen des Todes in ein Symbol des Lebens verwandelt. An diesem Zeichen können sich die Menschen orientieren. Es hilft ihnen heraus aus dieser Gefangenschaft in den eigenen Sorgen und aus der Fixierung auf sich selbst.
Da sollen wir hinschauen: auf Jesus Christus! Er hat nicht gerufen: Ich zuerst, meine Familie, mein Volk zuerst, sondern er hat sich für uns und die vielen anderen Menschen hingegeben und gesagt: Fürchtet euch nicht! Ich bin für euch da! Ich führe euch zusammen! Ich schenke euch alles, was ihr zum Leben braucht!
Auf das Kreuz schauen macht uns frei. Wir sind nicht mehr gefangen von dem, was wir nicht schaffen und was uns niederdrückt. All das gibt es. Da ist die Bibel ganz realistisch und nüchtern. Aber wer auf das Kreuz sieht, entdeckt: Das Bedrohliche hat nicht das letzte Wort! Gott ist mit und für uns. Selbst der Tod verliert seine Macht. An Ostern überwindet Christus den Tod!
Deshalb freue ich mich, wenn Menschen die Kirchentüren nicht nur am Sonntag offen finden. Wenn sie in einen Raum kommen können, ein Kreuz sehen, das schon zuvor vielen Menschen Halt und Hoffnung gegeben hat: Ruhig werden, spüren, dass da noch mehr ist, als ich selber tun und erreichen kann. Dass Gott für uns da ist. Deshalb sollen Kirchen auch so schön sein wie diese, damit sie uns anziehen und es uns leicht machen, hinzuschauen auf Gottes Verheißung zu vertrauen, die uns aus der Angst und der Enge herausführt. Der Atem wird ruhiger. Wir sind frei. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Bruder und Herrn.
Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh
Jochen Cornelius-Bundschuh wurde am 19.07.2013 zum Nachfolger von Landesbischof Fischer gewählt. Sein Amt trat er am 1. Juni 2014 an. Von Oktober 2009 bis Mai 2014 war er Leiter der Abteilung Theologische Ausbildung und Prüfungsamt.
Davor war er im Predigerseminar Hofgeismar verantwortlich für die Theologische Aus- und Fortbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.
Seit dem 31.03.2022 ist Jochen Cornelius-Bundschuh im Ruhestand.
Zur Person:
geb. 30. Juli 1957, verheiratet, drei Kinder
Studium in Göttingen, Tübingen und Edinburgh, Teilnahme am Halbjahresseminar der Gossner Mission für den kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft in Mainz, 1988 Promotion zu "Liturgik zwischen Tradition und Erneuerung. Probleme protestantischen Liturgiewissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt am Werk von Paul Graff", Hochschulassistent im Fach Praktische Theologie an der Georg-August-Universität Göttingen, 1995-2001 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Fuldabrück, 2000 Habilitation mit der Schrift „Kirche des Wortes - Homiletisch interessierte Beiträge zu Predigt und Gemeinde“, Privatdozent in Göttingen, 2001-2009 Direktor des Predigerseminars in Hofgeismar, 2008-2009 apl. Professor an der Theologischen Fakultät in Göttingen, seit 2010 in Heidelberg, seit 1.10.2009 Leiter der Abteilung Theologische Ausbildung und Prüfungsamt im Evangelischen Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden. Seit dem 1. Juni 2014 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden.
Mitglied der Jury des Gottesdienstpreises der Stiftung zur Förderung des Gottesdienstes, der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie, der Gesellschaft für Evangelische Theologie, Vorsitzender des Beirats der ‚Adam-von-Trott‘ Stiftung Imshausen
