Eine bemerkenswerte Frau

Briefmarke Motiv Queen Elisabeth II.

Thomas Weiß

Von der Queen und anderen Frauen, die unser Leben prägen

Das war sie wohl: eine bemerkenswerte Frau – die Queen, Elisabeth II. Jedenfalls war das in den letzten Tagen oft zu hören, wenn der immense Aufwand gerechtfertigt werden oder wenigstens Verständnis dafür aufgebracht werden sollte für: 14 Stunden Wartezeit in unüberschaubaren Warteschlangen, Staatsbesuche aus aller Herren Länder (seien's demokratisch gewählte Präsidentinnen, seien‘s autoritäre Möchtegern-Monarchen), ein medialer Aufwand sondergleichen, ein Blumenmeer in ganz down-town, und die Expertinnen und Experten fürs Royale überbieten sich mit Insiderwissen und Würdigung. Als Demokrat und Anhänger unserer Republik steh ich staunend davor und schüttle verhalten mit dem Kopfe, der partout nicht einsehen will, dass so viel Umstand heute noch angemessen ist oder es je war.
 
Eine bemerkenswerte Frau, das war sie wohl: meine Großmutter. In Küstrin an der Oder geboren und aufgewachsen, verheiratet mit Arthur, einem Sozialdemokraten (weshalb sie von den Nazis Repressalien zu erleiden hatten), zog sie vier Kinder groß. Lange auf sich allein gestellt, weil Arthur in Russland vermisst worden war. So floh sie zuerst nach Berlin, dann 48 in den Westen. In Karlsruhe fand die Familie wieder zusammen. Nach Arthurs frühem Tod war sie Witwe, dreißig Jahre lang – und buk den besten Nusskuchen der Welt. Wir hatten ein vertrautes Verhältnis, besonders, wenn sie mir beim Schwarztee mit (der ihre) und ohne Rum (der meine) „von damals" erzählte, Abende lang. An ihrer Beerdigung nahmen nur wenige teil.
 
Eine bemerkenswerte Frau: die Krankenpflegerin hinter Maske und Visier, mit doppelter Dienstbekleidung und doppelt behandschuht; die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die mit Hartz VI kaum durch den Monat kommt; die „Oma gegen rechts", die sich anraunzen lassen muss und ihren Zorn gegen die jungen Ewiggestrigen trotzdem durchhält; die alte Dame im Pflegeheim, die ihrer dementen Zimmernachbarin aus der Zeitung vorliest, immer um halbzwölf.
Maria von Magdala, die Jesus nicht von der Seite weicht; Maria, seine Mutter, die ihn betrauert, mit demselben Schmerz, in dem sie ihn geboren hat, und die von der Umkehrung der Verhältnisse singt (ein Lied, das bis heute nicht verklungen ist); die erste Jüngerin, deren Namen keine und keiner kennt, die sich von Gottes Liebe überzeugen lässt und ihr Leben als freie, selbstbewusste Frau lebt, ohne dass Männer und Sitten das erlauben müssten. Eine bemerkenswerte Frau!
 
Ich bin sicher, dass unser aufmerksamer Gott alle bemerkenswerten Frauen so ansieht. Die Queen wird er würdigen (ganz ohne Etikette und Pomp), meine Großmutter Klara auch, und jede andere Frau, die wir achten und beachten sollen, wie er es tut.
 
 
  

Thomas Weiß

Kirchenrat i. R.

Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
 

Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung