Wenn Sie es nur nicht sagen würde! Ich sitze schon eine gefühlte Stunde im Wartezimmer (nur für die Blutentnahme und ein neues Rezept), das uralte ADAC-Heft ist durchgeblättert (aber das hatte ich vergangenes Mal schon in der Hand) und der „Brigitte“ wende ich mich nur mit Fremdscham zu (also eher gar nicht), da hör ich meinen Namen! Endlich! Werde aufgefordert, in einem der Arztzimmer Platz nehmen … und dann kommt dieser ernüchternde, gefürchtete Satz: „Der Herr Doktor kommt gleich!“. Was bedeutet: Nochmal warten, mindestens eine halbe Stunde. Kein Wunder, dass mein Blutdruck, wenn der Herr Doktor ihn misst, dann jenseits von Gut und Böse ist.
Wenn sie es nur nicht sagen würde, die freundliche Arzthelferin, die es gut meint, die mich über die Zeit trösten will und die nix dafürkann, dass meine Geduld arg, ganz-ganz-arg auf die Probe gestellt wird. Mit „Dauert noch 20 Minuten.“ oder „Kommt Zeit, kommt Rat.“ könnte ich was anfangen, aber dieses „gleich“ weckt immer wieder Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Ohne Anhaltspunkt kann das Warten zur Qual werden. Kennen Sie bestimmt.
Ich kenn’s auch, nicht nur vom Arztbesuch, sondern auch von der aktuellen Kirchenjahreszeit. Advent ist Wartezeit. „Der Herr kommt gleich!“ – dachte schon die erste Generation der Christinnen und Christen. Auch sie haben sich auf das „gleich“ verlassen – und sind mit ihrer Erwartung sitzen geblieben. Fühlten sich im Wartesaal der Zeit vielleicht ähnlich alleingelassen wie ich mich ab und an im Wartezimmer des Doktors meines Vertrauens.
Ach ja: Vertrauen! In Wahrheit nehme ich die Wartezeit ja in Kauf, weil eben dieser Arzt ein guter ist, einer, der mich kennt, der sich einfühlt, und der neben Rezepten, Impfnadeln und einem Stethoskop auch schon trefflichen Rat für mich hatte. Ich vertraue ihm. Nicht seinem Zeitmanagement, aber seiner medizinischen Expertise.
Gott – scheint ein Experte zu sein im Wartenlassen. Die ersten Christinnen und Christen haben gewartet, die nach ihnen auch und bis heute schauen wir danach aus, dass seine Zusagen wahr werden: „Frieden soll sein.“, „Die Welt wird heil werden.“, „Da findet deine liebe Seele Ruh.“. Mit meiner Ungeduld – „Wann lässt du uns dein Heil schauen?“ – bin ich bestimmt nicht allein. Faszinierend aber, dass Menschen über all die Jahrhunderte darauf vertraut haben, dass Gott ein guter Arzt ist und sein wird. Das muss an Erfahrungen gelegen haben, die sie gemacht haben. Persönliche Erfahrungen, in denen sie gespürt haben: Gott ist da. Ich brauche gar nicht nach oben, unten, vorne, hinten und in die Zukunft schauen. Er ist schon da: heilsam, hilfreich.
Warten – ganz ursprünglich heißt das Wort ja: achtgeben, aufmerksam sein. Von einer Warte aus sehe ich, was nah ist und was ferne. Um dieses Warten geht es bei Gott: Nicht um das, das an meinen Nerven zerrt und das die Zeit dehnt – vielmehr um ein Warten, das die Augen auftut und sich überraschen lässt. Da gibt es etwas zu erleben – warten Sie’s nur ab!
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung