Aufgemerkt!

Junge blickt aufmerksam in die Kamera

Thomas Weiß

Von der Aufmerksamkeit

„Bassuff!“. Von meinem Vater Friedbert, der ein stolzer Karlsruher und Südstadtindianer war, habe ich – materiell – nicht viel geerbt, ideell aber mancherlei. Vor allem: Sprachliches auf Gut-Badisch. Dazu gehören: „im Lebdag net“, „ewig und drei Dag“ oder die köstlichen Beschimpfungen „Grasdaggel“ oder „Lumbeseggel“ (die zu verwenden es auch heute noch ab und zu Anlass gibt …).  
 
Sein „Bassuff!“ kommt mir immer wieder in den Sinn (Muss ich das eigentlich übersetzen? Also: „Pass auf!“). Manchmal hieß es auch, wenn besondere Aufmerksamkeit gefordert war: „Jetzbassuff!“. Oder „Jetzbassämoluff!“, dann konnte mein Vater aber rasch ungemütlich werden.
 
So richtig fromm war er nicht, der Friedbert, aber genau besehen: sein Sprachgebrauch war ein biblischer. Die biblischen Erzähler, die Propheten, Jesus, die kannten auch so ein „Bassuff“. Natürlich klang es bei denen vornehmer, da hieß es: „Siehe!“ oder „Wahrhaftig, ich sage euch!“ und „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“. Meint aber dasselbe: Leute, aufgemerkt, die Ohren gespitzt, die Lauscher gestellt, die Augen auf und alle Sinne auf Hab-Acht. Wenn mein Vater mit “Bassuff!“ lockte oder grollte, dann wollte er meine ungeteilte Aufmerksamkeit, dann fand er, was es zu sagen oder zu sehen gab, wichtig, dringend und beachtenswert.
 
Das ist bei Jesus und den biblischen Frauen und Männern nicht anders. „Siehe!“ heißt auch bei ihnen: „Lass dir zur Aufmerksamkeit raten – denn hier gibt es etwas zu hören, zu sehen, zu erfahren, das für dich Bedeutung hat, etwas Erstaunliches, Tröstliches, etwas Befreiendes, Stärkendes, das Horizonte eröffnet und die Furcht besiegt.“ Wenn ich bedenke, wie oft ich ratlos und blind durch meine Tage stolpere, dann empfinde ich diese Aufforderung „Siehe!“ schon als Zuwendung. Denn wer dazu rät, die Augen aufzumachen, der steht auch dafür ein, dass es etwas Lohnendes zu schauen gibt.
 
Mein Vater konnte recht ungehalten werden, wenn ich mich nach seinem vehementen „Jetzbassuff!“ nicht ums Aufpassen bemühte. Der gute Rat konnte dann zur knurrigen Warnung oder zum lautstarken Befehl werden. Das ist bei Jesus, ist in der Bibel – „Jagodseidank!“ (auch ein Vaterwort) – doch anders: Gott hört einfach nicht auf, um meine Aufmerksamkeit zu werben; er ist geduldig darin, uns immer, immer wieder anzusprechen: „Siehe!“, „Schau doch!“, „Bassuff!“.
Ichbassjetzhaltämolbesseruff!
 
  

Thomas Weiß

Kirchenrat i. R.

Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
 

Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung