Zwischen Baum und Borke ist’s nicht gemütlich und Entscheidungen fallen (so will es das Sprichwort) schwer; schwer lebt sich‘s auch zwischen Skylla und Charybdis, wie good old Odysseus (Zeus hab ihn selig!) zu berichten wusste; Absprachen zwischen Tür und Angel sind alles andere als verlässlich – und dass es zwischen Himmel und Erde eine Menge Dinge gibt, die sich der Mensch nicht erklären kann, hilft da auch nicht weiter. Zumal sich „zwischen Himmel und Erde“ manchmal (in der Ukraine und im Nahen Osten zum Beispiel) wie „zwischen Himmel und Hölle“ anfühlt – mit der Tendenz zur Hölle. Dazwischen-Sein, das ist kein guter Zustand, dazwischen ist kein guter Ort!
Gilt das nun auch für die Tage „zwischen den Jahren“, die wir gerade haben?
Ich mag diese Tage eigentlich sehr: Der Weihnachtsrummel ist vorbei, die Herausforderungen des neuen Jahres stehen noch geduldig vor der Tür (Sie wissen, dass sie mich jetzt nicht stören sollten) und auf der Arbeit wollen gerade nicht viele etwas von mir. Aber: in der ruhigeren Zeit haben eben auch meine Sorgen mehr Platz, um sich breit zu machen; die Situation derer, die unter Krieg und Terror leiden, ist nicht besser geworden, bloß weil gestern Weihnachten war; all das Bedrängende, persönlich und im Großen-Ganzen, nimmt keine Rücksicht auf Daten und Kalender. „Zwischen den Jahren“ – auch kein guter Ort. Oder?
Ein besserer vielleicht als „zwischen allen Stühlen“ oder „zwischen Pest und Cholera“, wenn ich die etwas freiere, ruhigere Zeit zwischen Weihnachten und Silvester nutze, um mal dazwischen zu schauen, also: genauer hin. Dann mag ich sehen: Alles „Dazwischen“ ist eingebettet in den Anfang und das Ende, die Gott setzt – Gott umgibt mein Leben und die Geschichte dieser Welt mit seiner liebvollen Zuwendung. Was ich freilich nur entdecke, wenn ich „zwischen den Zeilen“ lese, wenn ich hinschaue, hinspüre und hinlausche, in meinen Alltag hinein, in die Geschichte, die Geschichten und die Gegenwart dieser Tage hinein. Da ist Gott am Werk, aber: „Jetzt heilt es leise (!) unter uns“, hat Rainer Maria Rilke einmal gesagt – da muss ich ganz schön aufmerksam sein! Die Tage „zwischen den Jahren“ möchten helfen, auf die Zwischentöne zu hören, die Nuancen zu sehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Was sich lohnt, denn Gott ist mit uns, wenn wir „dazwischen“ sind – und er ist es nicht „irgendwie“, sondern mit seiner ganzen Liebe. Und in diesem Zwischenzustand der Liebe ist auch Platz für unsere zweifelnden Zwischenfragen, für zwischenzeitliche Einbrüche und Zwiespältigkeiten.
„Zwischen den Jahren“ ist gut sein!
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung