Und, wie wählen Sie? Ich meine nicht, wen (den kühlen Schweigsamen, den aufbrausenden Sauerländer, das beredte Nordlicht oder den unsteten Finanzoptimierer – von anderen ganz zu schweigen …) und nicht welche Farbe (Rot oder Dunkelpink, Schwarz, Grün, Gelb – andere übersehe ich geflissentlich …), sondern: wie?
Wählen Sie am 23. Februar strategisch-taktisch, indem Sie ausrechnen, welche Koalitionen wohl möglich und wünschenswert sind? Oder Sie treffen Ihre Wahl programmatisch: Wer steht wofür, hat die Klimapolitik im Blick, weiß Rat, wenn es um Migration und Integration geht, hat Ideen für Wirtschaft und Soziales. Vielleicht orientieren Sie sich aber auch am Personal, an Sympathien für Redegewandtheit oder Bedachtheit, für „klare Kante“ oder die vehemente Verteidigung der Schuldenbremse.
Wie immer Sie wählen: es gilt ein Grundsatz, der in der Jahreslosung für 2025 anklingt (als wäre die speziell für das Wahljahr ausgesucht worden): „Prüft alles!“ Wenn Sie wählen (was Sie unbedingt tun sollten), dann wählen Sie also: verantwortungsvoll.
Eine Wahl zu treffen ist eine hohe Verantwortung. Und „Demokratie“ ist ein Tun-Wort! Es reicht nicht, die anderen machen zu lassen, die „da oben“ in den Parteien, im Bundestag, in Regierung und Opposition oder in den kommunalen (und kirchlichen) Gremien. Und es geht gar nicht, Wort und Tat denen zu überlassen, die die Demokratie aushöhlen und zerstören möchten, die Menschen verachten und rassistisch verunglimpfen. Also: Genau hinschauen. Prüft alles! Und wählt entsprechend, verantwortungsvoll.
Wie die Prüfung ausgeht und wofür Sie sich im Rahmen Ihrer Verantwortung entscheiden, das kann ich Ihnen hier nicht sagen. Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, in denen Kirchen „Wahlempfehlungen“ abgaben, um die vermeintlichen Hüter und Hüterinnen christlicher Tradition zu befördern. Wir wissen’s besser: Das C im Namen macht’s nicht (das D auch nicht gleich und nicht das F oder S – oder welcher Buchstabe Ihnen noch einfallen mag (Bleiben Sie mir aber weg mit dem A)) und die überaus laut vorgetragene Forderung, dass die „christlichen Werte“ zu bewahren seien, ist wenig mehr als Heuchelei. Nein, Ihre Wahl treffen Sie, selbstbewusst und selbstbestimmt. Frei!
Es ist bemerkenswert, wie das alte, durchaus biblische Wort „Freiheit“ wieder in die öffentliche Debatte eingezogen ist. Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat darauf immer wieder abgehoben, Angela Merkel hat ihre Erinnerungen so benannt: Freiheit. Die ist uns gegeben, als Christinnen und Christen zumal – und wo sie in Frage gestellt wird, ist es an uns, sie zu verteidigen: „Ihr seid zur Freiheit berufen – werdet nicht der Menschen Knechte“ (Galater 5,13). In Knechtschaft begibt sich gewiss, wer auf die hört, die die Demokratie untergraben.
Nicht mit uns! Wir geben unsere Mündigkeit, und die Freiheit und Würde der Nächsten und Fernen nicht dran.
Und, wie wählen Sie? (07.02.2025)
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung